Warum braucht es die zweite Röhre?

Auf diese Frage gibt es viele, verschiedene Antworten. Ich will Ihnen meine Sicht näher bringen.

Ausgangslage:

Als der Gotthard-Strassentunnel 1980 durch Bundesrat Hürlimann dem Verkehr übergeben wurde, war die Verkehrswelt in Uri noch in Ordnung. Bekannt ist auch der Ausspruch von Bundesrat Hürlimann: "Der Gotthard-Strassentunnel ist kein Korridor für den Schwerverkehr". Die Entwicklung zeigt leider in eine ganz andere Richtung.

Waren es im 1981, also im ersten vollen Betriebsjahr noch total 2'895'528 Fahrzeuge (215671133 PW und 328395 Lastwagen, resp. Fahrzeuge über 6 m Länge) steigerten sich diese Zahlen Jahr für Jahr enorm. 1998 waren es total 6'662'615 Fahrzeuge (5'428'167 PW und 1'234'448 Lastwagen, resp. Fahrzeuge über 6 m Länge).

Mit den gemachten Konzessionen in den Bilateralen Verhandlungen vom 01. Dezember 1998 müssen wir mit einer massiven Zunahme der 40 Tönner Lastwagen rechnen. Bis ins Jahr 2003 sind dies 800'000 Kontingente von 40 Tönnern (400'000 aus der EU / 400'000 CH) zusätzlich. Das heisst, bis ins Jahr 2004 sind dies ca. 2'000'000 Lastwagen, resp. Fahrzeuge über 6 m Länge.

Grundsätzlicher Fehler war, dass der Gotthard-Strassentunnel nicht von Anfang an doppelspurig gebaut wurde. Es darf doch nicht sein, dass eine Autobahn, die von Hamburg nach Neapel mindestens doppelspurig und mit 120 km/Std befahrbar ist, an der höchsten Stelle zu einem künstlichen Engpass von einer Spur mit 80 km/Std wird.

Der Autobahnbau in der Schweiz befand sich in den 60er Jahren noch in den Kinderschuhen. Das Parlament legte das Schweizerische Nationalstrassennetz erst am 21. Juni 1960 fest. 1963 begannen die Bauarbeiten für die Strecke Amsteg-Wassen. Bei der Planung der Autobahn durch Uri machte sich der Kanton Uri beim Bund stark, dass ab der Rampe Amsteg eine Kriechspur für den Schwerverkehr realisiert würde. In der gleichen Angelegenheit reichte am 18. Dezember 1963 der damalige Urner Nationalrat Alfred Weber (FDP) ein ,,Postulat" beim Bundesrat ein. Jedoch leider ohne Erfolg. Das damalige Amt für Strassen- und Flussbau argumentierte, dass aus Gründen der Kapazität eine Kriechspur nicht nötig sei und ,,nur den Fahrkomfort einer an und für sich schon einen sehr hohen Ausbaustandard aufweisenden Autobahn heben" würde. Man beurteilte dieses Anliegen damals als Luxus. Jetzt haben wir ab der Rampe Amsteg durch die sechs Tunnel nicht einmal einen Pannenstreifen. Das heisst bei einer Panne oder Unfall steht das Fahrzeug auf der Fahrbahn, zum Teil in Kurven - ich finde das unverantwortlich.

 

Thema Sicherheit

Man kann mit gutem Gewissen für den Verkehr sein, Man kann auch, aus welchen Gründen auch immer gegen den Verkehr sein, aber man darf nie gegen die Sicherheit sein!!

Diese Sicherheit ist aber nach meinem Dafürhalten sehr stark gefährdet. Deshalb ist für mich die Frage berechtigt Wie viel ist uns Urnerinnen und Urnern die Sicherheit wert?

Der Personen- und der Schwerverkehr werden weiter zunehmen, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht Es gilt für uns Urner und Urnerinnen dieser Entwicklung Rechnung zu tragen, selber aktiv zu werden, denn Bern und Brüssel werden uns diese Aufgabe nicht abnehmen.

Der 17 km lange Gotthard-Strassentunnel wurde im Jahre 1980, nach 11 jähriger Bauzeit dem Verkehr übergeben. Nachdem die geplanten Frequenzen schon lange mehrfach überholt wurden, muss dieses Bauwerk, das aus sehr viel Technik besteht revidiert und erneuert werden. Die Lüftung ist nicht für 40 Tönner eingerichtet. Auch dieses Werk macht da keine Ausnahme. Es wird zu langen Schliessungen kommen. Der PW-Verkehr kann im Sommer über den Pass geleitet werden. Was passiert aber mit den 40 Tönnem? Dabei reichen die 2-3 Wochen, in Zukunft ev. 4 Wochen Nachtarbeit nicht aus, für die notwendige Sanierung. Da kann nur das allernotwendigste gemacht werden. Ich bin sicher, das Grossereignis (Unfall mit gefährlichen Gütern, Chemie oder dergleichen) das irgendwann (morgen, in drei Monaten oder in wenigen Jahren) passiert, wird den Termin der Gesamtsanierung beeinflussen und entscheiden. Was passiert wenn das Grossereignis aber nicht im Sommer, sondern im Winter stattfindet? Ist man sich der wirtschaftlichen Folgen eines solchen Ereignisses bewusst? Denken Sie nur an die Hochwasserkatastrophe von 1987. Ich glaube nein!

Für mich ist deshalb klar, dass nicht nur die zweite Röhre, sondern auch der Ausbau (Pannenstreifen/Kriechspur) ab Amsteg realisiert werden muss. Aber man darf nicht nur bauen und die Kapazität erhöhen. Man muss auch klare Rahmenbedingungen (flankierende Massnahmen) an die Benützer stellen, wie ich es anlässlich der Begründung vom 22. April 1998 im Urner Landrat vorgebracht habe.

,,Die technischen Vorschriften (Motorisierung und Abgasnormen) für alle Schwerverkehrsfahrzeuge, die den Tunnel befahren wollen (Motorisierung =10 PS je Tonne), müssen analog den Schweizer Vorschriften gelten."

Das ist für mich ein grosser Eckpfeiler, eine entscheidende flankierende Massnahme, damit nicht Lastwagen durch unseren Kanton fahren, die wegen fehlender Motorleistung ab Amsteg mit 20-30 km/Std den Berg hoch schleichen und die übrigen Verkehrsteilnehmer in schwerster Weise gefährden.

Diese Vorschrift kannte nur die Schweiz. Die Verordnung über die technischen Anforderungen an Strassenfahrzeugen (VTS) wurde am 02. September 1998 geändert. Aber nicht der Schweizer Norm, sondern der EU, dass heisst nach unten angepasst. Die 10 PS je Tonne wurden auf 6.8 PS hinunter reduziert. Die Schweiz müsste unbedingt an den 10 PS je Tonne festhalten, bis die Verlagerung auf die Schiene vollzogen werden kann. Diese untermotorisierten Lastwagen gehören nicht auf die steile Nord- und Südrampe des Gotthards. Was heisst das? Ein 40-Tonnenlastwagen kann sich neu mit einer Motorleistung von 272 PS auf der Strasse bewegen. Im Flachland mag dies genügen, aber auf unserer Gebirgsautobahn werden diese Fahrzeuge zu sehr gefährlichen Verkehrshindernissen. Die ausländischen Lastwagen (speziell aus dem Osten, .z. B. Polen, Russen, Tschechen und Jugoslawien) sind vielfach untermotorisiert und Umweltverpester im wahrsten Sinne des Wortes. Diese Lastwagen befinden sich auch meistens in einem sehr schlechten und desolaten Betriebszustand (abgelaufene Pneus, Bremsen die nicht funktionieren etc.). Unsere Lastwagen haben aber zwischen 400 und 500 PS und fahren die Bergstrecke relativ flüssig, im Gegensatz zu den ausländischen Lastwagen. Diese Lastwagen (von den Westeuropäern vor 10 Jahren in den Osten verkauft) kriechen mit 20-30 Stundenkilometern ab Amsteg bis Mitte Gotthard-Strassentunnel und gefährden den übrigen Verkehr in schwerer Weise. Das sind auch die Fahrzeuge, welche unsere Luft und Umwelt in ganz schwerer Weise belasten. Die neuen Lastwagen mit der Nachverbrennung laufen hingegen so sauber wie ein PW mit Katalysator.

 

Sicherheit in den Dörfern

Durch die massive Zunahme des Verkehrs auf der Autobahn, verbunden mit Stau etc. werden viele Automobilisten und Lastwagen auf die Kantonsstrasse ausweichen in der Meinung dem Stau auszuweichen. Das wird lange Kolonnen und Staus in unseren Dörfern zur Folge haben. Die Bevölkerung, junge und alte Leute, sowie der einheimische lndividualverkehr werden darunter sehr stark zu leiden haben.

 

Der fehlende Chemiewehrstützpunkt

Bei einem Ereignis muss die Chemiewehr innert wenigen Minuten vor Ort sein, alles andere ist zu spät.

Aktuell rücken die Chemiewehren von Bellinzona und Altdorf nach Göschenen aus. Dass nebst dem langen Anfahrtsweg im Sommer die Autobahn und Kantonsstrasse wegen Stau blockiert ist, nimmt man bewusst in Kauf. Bis heute haben sich die SBB aus der Verantwortung gezogen. Ich erwarte jetzt, nach dem Geldsegen der letzten paar Wochen für die SBB, dass dies sofort umgesetzt werden kann.

Automobilisten leiden heute schon unter Angstzuständen, wenn sie den Tunnel befahren. Dieser Zustand wird sich mit der Zunahme des Verkehrs noch drastisch verschärfen. Es gibt auch Automobilisten, die aus beruflichen Gründen und nicht nur aus Freizeitvergnügen diese Autobahnstrecke benützen. Im gleichen Masse wie der Verkehr zunimmt ist auch die Wahrscheinlichkeit der Zunahme von schweren Unfällen gegeben. Die Rettungsleute werden bei ihren Einsätzen einer permanenten Gefahr ausgesetzt.

Es gilt vorauszuschauen, zu handeln und nicht abzuwarten bis das Grossereignis Sachzwänge schafft. Es gilt die Verkehrssicherheit aller Benützer des Gotthard-Strassentunnels mittel und langfristig zu gewährleisten. Die Sicherheit für Land und Volk von Uri in der Zukunft sicherzustellen. Die lebensnotwendige Verkehrsverbindung Urner Oberland - Urner Unterland über die Autobahn und /oder über die Kantonsstrasse sicherzustellen. Die lebensnotwendige Verkehrsverbindung Uri - Tessin, Tessin-Uri für die Zukunft ganzjährig sicherzustellen.

Die zweite Röhre des Gotthard-Strassentunnels, mit Kosten von ca. 1,5 Milliarden Franken inklusive Ausbau der Zufahrtslinie Amsteg – Göschenen, kann in ca. acht Jahren gebaut werden. Das Geld ist vorhanden.

Die zweite Röhre bietet für die Verkehrs- und Betriebssicherheit, sowie für den Unterhalt die entscheidende Vorteile.

Bis der Basistunnel zur Verfügung steht, müssen wir noch ca. 14 Jahre warten. Wir dürfen aber nicht warten und die Hände in den Schoss legen. Es liegt an uns, positiv in die Zukunft zu schauen und alles zu unternehmen, damit der Kanton Uri als Wohn- und Lebensraum, zu qualitativ guten Bedingungen für uns und unsere Nachkommen erhalten bleibt.

6468 Attinghausen, 19. Januar 1999                             Markus Gisler