Es braucht die zweite Gotthardröhre

Das schreckliche Unglück der vergangenen Woche im Montblanc-Tunnel mit über 40 Opfern hat einmal mehr gezeigt, dass die Forderung nach einem zweiten Gotthardstrassentunnel mehr als bDas schreckliche Unglück der vergangenen Woche im Montblanc-Tunnel mit über 40 Opfern hat einmal mehr gezeigt, dass die Forderung nach einem zweiten Gotthardstrassentunnel mehr als berechtigt ist.

Raoul Studer

Der Bau der zweiten Röhre erhält noch zusätzliche Aktualität, wenn man bedenkt, dass der Montblanc-Tunnel voraussichtlich für rund zwei Monate gesperrt bleibt und deshalb der Schwerverkehr auf andere Alpenrouten ausweicht und der dortigen Bevölkerung beträchtlichen Mehrverkehr, und zwar nicht nur von Lastwagen, beschert - das vergangene Wochenende gab einen Vorgeschmack. Und schliesslich ist es nach wie vor ein Unding, dass sich die Transitstrecke Hamburg-Neapel ausgerechnet an ihrem höchsten Punkt zu einem Nadelöhr verengt.

Unvoreingenommen prüfen Wer sich für die zweite Strassenröhre einsetzt, befindet sich übrigens in guter Gesellschaft, hat doch in der vergangenen März-Session der Tessiner Ständerat Dick Marty in einer Interpellation angeregt, aus Sicherheitsüberlegungen den Bau der zweiten Gotthardröhre unvoreingenommen zu prüfen. In seiner Antwort hat ihm der Verkehrsminister zu verstehen gegeben, dass ein solcher Bau nicht geplant sei, zumal verfassungsrechtliche Gründe dagegensprechen.

In der Tat haben wir die Verfassungsbestimmung (auch in der neuen, noch anzunehmenden Verfassung), dass die Transitstrassenkapazität im Alpengebiet nicht erhöht werden darf. Doch diese Vorschrift kann, wenn sich dafür eine Mehrheit findet, auf dem Wege der Verfassungsinitiative wieder abgeändert werden.

Diesen Weg sollten wir beschreiten, indem wir die «Quattro»-Initiativen unterzeichnen und damit ermöglichen, dass der Stimmbürger dazu Stellung nehmen kann.

Zwar trifft es zu, dass zum Gotthardstrassentunnel ein parallel dazu verlaufender Sicherheitsstollen existiert - im Unterschied zum Montblanc-Tunnel - und darum die Sicherheit heute schon grösser ist. Trotzdem bleibt die Gefahr von Frontalkollisionen in einem einröhrigen Tunnel bestehen, und sie nimmt zu, je länger der Tunnel ist. Und der Gotthardtunnel ist mit 16,9 km der längste Strassentunnel der Welt! So lange Tunnels sollten grundsätzlich nicht einröhrig sein. Die Verkehrssicherheit muss uns das wert sein.

Das Unglück im Montblanc-Tunnel hat uns bewusst gemacht, dass solches auch im Gotthard geschehen könnte. Deshalb ist die Diskussion über den Bau einer zweiten Gotthardröhre bei der Urner Bevölkerung wieder hochaktuell geworden. Ein Umdenken macht sich in dieser Richtung breit.

Entscheide in unserer Demokratieform brauchen mehr Zeit bis zur Reifung als anderswo, ehe man sich den Fakten beugt. Aber früher oder später muss der zweite Tunnel Tatsache werden.
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