Um wieviel sicherer sind Schweizer Autobahntunnels?

GROSSE GEFAHREN
Der Unfall im Montblanc-Tunnel vergangene Woche hat schlagartig gezeigt, dass Tunneldurchfahrten grosse Gefahren in sich bergen, derer man sich gar nicht so bewusst ist

Raoul Studer

Die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls ist in einem einröhrigen Tunnel grösser als in einem zweiröhrigen. Aber der worst case kann auch in einem zweiröhrigen Tunnel verheerende Folgen zeitigen. Davon ist der Urner Kantonsingenieur Peter Püntener überzeugt. Allerdings gibt es in einem zweiröhrigen Tunnel in der Regel keine Frontalkollisionen. Dagegen sind Auffahrunfälle, bei denen auch ein Chaos entstehen kann, nicht ausgeschlossen. Infolgedessen könnte das, was im Montblanc-Tunnel (11,5 km) geschehen ist, auch im 16,9 km langen Gotthardtunnel passieren. Die letzten grossen Brandfälle im Gotthard gab es 1997, als ein Reisecar und einen Monat später ein vollbeladener Autotransporter Feuer fingen und ausbrannten. Der Tunnel musste beide Male für einen halben Tag gesperrt werden.

In einem solchen Fall sind die Fluchtmöglichkeiten am wichtigsten. Gibt es bei zweiröhrigen Tunnels Verbindungen zwischen den Röhren, oder gibt es bei einröhrigen Schutzräume, die unabhängig vom Haupttunnel belüftet sind?

SCHUTZRÄUME Im Gotthard hat es im Abstand von 250 m sogenannte Schutzräume für je über 100 Personen, die zwischen dem Fahrraum und dem parallel dazu verlaufenden Sicherheitsstollen angeordnet sind, der im übrigen seinerzeit auf Initiative der Automobilverbände gebohrt wurde. Diese Schutzräume werden unabhängig vom Haupttunnel via Sicherheitsstollen belüftet und sind von beiden Seiten zugänglich. Sie liegen auf der Ostseite des Haupttunnels, also von der Fahrtrichtung Norden her gesehen links. Diese Zufluchtsorte stehen gegenüber dem Fahrraum unter einem leichten Überdruck, folglich können Brandgase nicht eindringen.

Versehen sind die Schutzräume mit grossen Türen, auf denen in oranger Farbe SOS steht. Den Wandplatten des Haupttunnels entlang hat es grüne Fluchtmännchen, die angeben, in welcher Richtung sich der nächste Schutzraum befindet. Die meisten Autofahrer sind über diese Einrichtungen allerdings oft gar nicht oder nur unzureichend informiert. Die Sicherheitsbroschüren liegen am Infostand in den Raststätten Erstfeld und Airolo auf und sind viersprachig.

Das Problem bei einem Brand im Tunnel ist zweifacher Art. Wird die Lüftung sofort abgeschaltet, ersticken die Leute im Qualm. Wird die Maximallüftung eingeschaltet, erhält das Feuer ständig neuen Sauerstoff. Nach Angaben von Püntener werden im Ereignisfall die Ventilatoren auf maximale Absaugung geschaltet, und der Tunnel wird sofort gesperrt. Dann ist darauf zu achten, dass der Rauch in eine Richtung zieht, damit man von der anderen Seite her den Brand bekämpfen kann.

Zur Brandbekämpfung stehen die Werksfeuerwehren von Göschenen und Airolo mit je vier Mann rund um die Uhr auf Pikett und können innert kürzester Zeit am Unfallort eintreffen.

KEINE CHEMIEWEHR Sorgen bereiten den Behörden die Transporte mit gefährlichen Gütern. Diese Transporte sind durch Vorschriften zwar einschränkend geregelt, doch werden diese Bestimmungen häufig verletzt. Deshalb führt die Urner Polizei fast täglich Kontrollen durch. Aber eine Chemiewehr existiert noch nicht, obwohl das die Kantone Tessin und Uri vom Bund schon seit Jahren fordern. Momentan seien Abklärungen im Gang. Im übrigen ist der Transport von Benzin und Heizöl durch den Gotthard strikt untersagt.

Püntener rechnet im Verlauf der nächsten Wochen mit einem grösseren Lastwagenaufkommen durch den Gotthard, da der Montblanc-Tunnel bis Ende Mai für den Verkehr gesperrt bleibt. Überdies wird auch der Privatverkehr zu einem Umweg gezwungen und speziell über die Osterfeiertage den Verkehr am Gotthard noch mehr anschwellen lassen. Und auch später mit dem Landverkehrsabkommen mit der EU dürfte der Schwerverkehr durch den Gotthard merklich zunehmen, was die Gefahr von Unfällen erhöht.

UNWAHRSCHEINLICH Nicht für ausgeschlossen, aber doch für sehr unwahrscheinlich hält Franco Stoffel, Betriebsleiter San Bernardino, einen Unfall in diesem 6,6 km langen einröhrigen Tunnel vom Bündnerland ins Tessin, wie er im Montblanc-Tunnel geschehen ist. Denn alle 25 m seien Feuermelder installiert, die direkt mit der ständig besetzten Kommandozentrale auf der San-Bernardino-Südseite verbunden sind, zudem wird per Video überwacht. Bei einem Alarm ist das Feuerwehrfahrzeug mit drei Mann innerhalb von 3 Minuten am Unfallort und kann die nötigen Massnahmen ergreifen. Zudem sind immer rund 20 Personen verfügbar, die innert kürzester Zeit einsatzbereit sind und in ständigem Training stehen.

Alle 250 m hat es sogenannte Telefonnischen, die mit Frischluft versorgt werden und sechs bis sieben Personen Platz gewähren. Diese Nischen haben spezielle Türen, die Schutz vor Feuer bieten. Ob sie allerdings auch 1100 °C Hitze aushalten, wie sie im Montblanc-Tunnel herrschte, dafür möchte Stoffel nicht garantieren, aber einen «normalen» Autobrand halten sie aus.

Ferner finden sich alle 850 m Ausfahrnischen, das sind Parkplätze für drei bis vier Autos. Von dort führt ein Weg in den darunterliegenden Stollen, von wo die Leute evakuiert werden können.

Was die Lüftung angeht, gibt es im San-Bernardino-Tunnel zwölf riesige Ventilatoren mit einer Leistung von 2,5 Megawatt. Diese sind so angeordnet, dass die Blasrichtung von Süden nach Norden verläuft. Das heisst, der Rauch zieht nach Norden ab, damit die Feuerwehr von Süden her den Brand bekämpfen kann. Denn nur von der Südseite her können die Brandbekämpfer ausrücken. Eine Feuerwehr auch auf der Nordseite einzurichten würde einen nicht verkraftbaren finanziellen Mehraufwand bedeuten.

MEHRBELASTUNG In den nächsten zwei Monaten wird es mit Sicherheit einen beträchtlichen Mehrverkehr sowohl am Grossen Sankt Bernhard als auch am Gotthard geben. Zwar darf man davon ausgehen, dass ein Unglück von Ausmass wie am Montblanc in unseren Tunnels angesichts der Sicherheitsvorkehrungen eher unwahrscheinlich ist, aber ganz ausschliessen kann man es nie. Eine zweite Gotthardröhre drängt sich deshalb auf. Sie ist zwar kein Allheilmittel, aber sie erhöht die Verkehrssicherheit beträchtlich.