Tunnel kommt so oder so

DIE ZWEITE STRASSENRÖHRE AM GOTTHARD bleibt in den Schlagzeilen. Eine stark besuchte Veranstaltung in Göschenen über Vor- und Nachteile einer zweiten Gotthardstrassenröhre bot Informationen aus erster Hand.

Raoul Studer

Im Urnerland scheint sich das Blatt betreffend zweite Gotthardröhre langsam, aber sicher zu wenden. Zwar gab es an der gut besuchten Informationsveranstaltung in Göschenen klare Gegner eines solchen Vorhabens. Aber dass der zusätzliche Strassentunnel kommen wird, ist jedermann klar (vgl. AR 24-26/99). So erklärte einer der Referenten am Ende seiner Darlegungen. «Die zweite Röhre muss man weder fordern noch verhindern. Sie erzwingt sich von selbst. Anno 2020 ist sie parat.» Die Stimmen in der Urner Bevölkerung aber mehren sich, dass das schon früher der Fall sein möge.

Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache. 1981, dem ersten vollen Betriebsjahr, fuhren 2,7 Mio Pw durch den Tunnel, 1998 waren es 6,6 Mio Pw, fast 21/2-mal so viel.

SECHZIGERJAHRE Mit dem Argument, dass der Verkehr ständig zunehme, hatten der Urner Land- und Regierungsrat schon in den Sechzigerjahren, also in der Endphase der Planung für die A 2, den Bau einer Kriechspur auf der Strecke Amsteg-Göschenen gefordert. Doch in Bern hatte man für dieses Anliegen kein Gehör und beschied, die Autobahn mit ihren vier Spuren sei leistungsfähig genug und der Schwerverkehr könne auf die Gotthardpassstrasse umgeleitet werden. Auch eine Interpellation im Nationalrat vermochte nichts an diesem Entscheid zu ändern. Dagegen erhielt der Kanton Tessin auf der A2-Südseite die verlangte Kriechspur.

FDP-Landrat Markus Gisler gilt als eigentlicher Motor der Bewegung für eine zweite Gotthardröhre. Zu diesem Zweck reichte er im vergangenen Jahr eine Interpellation betreffend Sanierung des Gotthardtunnels im Urner Landrat ein. In seiner Antwort hielt der Urner Regierungsrat klipp und klar fest, dass der Bau einer zweiten Röhre für ihn zurzeit kein Thema sei. Für Gisler hingegen ist es eines, und zwar ein aktuelles, wie er in Göschenen darlegte.

Der Bau eines zweiten Strassentunnels allein genügt nach Gisler aber nicht. Notwendig sei auch der Ausbau der Nordrampe, die Errichtung von Lärmschutzwänden aus Glas und nicht aus Beton entlang der A 2 in Uri, «damit die Dörfer noch gesehen werden». Ferner die technische Motorisierung analog den Schweizer Vorschriften sowie die Erhebung einer Tunnelgebühr, deren Einnahmen auf 470 Mio Fr. pro Jahr geschätzt werden. Für den Bau der zweiten Röhre und den Ausbau der Nordrampe rechnet Gisler mit Kosten von 1,5 Mia Franken.

Schliesslich, so Gisler, sei der Verkehr für den Tourismus des Kantons Uri eine der wichtigsten Einnahmequellen. Und diese Einnahmen brächten weder die Bahn- noch die Velo-, sondern die Autotouristen!

KONFLIKTANALYSE Eugen Meier, der an der Erstellung der vom Kanton Tessin in Auftrag gegebenen Konfliktanalyse wesentlich mitarbeitete, zählte die Vor- und Nachteile eines zweiten Strassentunnels auf, ohne Stellung zu beziehen.
- Eine zweite Röhre hat einen Neuverkehr von 10 % zur Folge und infolge der Verkehrszunahme zusätzliche negative Auswirkungen auf die Umwelt.
- Es sind zwei Kapazitätssprünge zu bewältigen: in Amsteg, wo die Steigung beginnt, und an Wochenenden im Tunnel.
- Eine zweite Röhre ohne den Ausbau der Nordrampe ist nicht die Lösung.
- Eine zweite Röhre ist machbar, der Ausbau der Nordrampe dagegen ist noch zu untersuchen.
- Eine zweite Röhre würde den Unterhalt vereinfachen und beträchtliche Energieeinsparungen bringen
- Der einspurige Gotthardtunnel ist bis jetzt sicher, aber grundsätzlich sind richtungsgetrennte Tunnel sicherer
- Die Kosten für die zweite Röhre betragen rund 1 Mia Franken inklusive Deponiekosten; die Gesamtdauer für Projektierung und Bau liegt bei 11 Jahren.

Kantonsingenieur Peter Püntener wies darauf hin, dass man bis anhin mit drei Unterhaltswochen pro Jahr auskomme (zu diesem Zweck wird der Tunnel von 22.00 bis 5.00 Uhr gesperrt), dass aber in absehbarer Zeit eine vierte Unterhaltswoche nötig sei. Eine Belagserneuerung bedinge allerdings eine siebentägige Vollsperrung des Tunnels.

Mit Blick auf eine Totalsanierung sei eine zweite Röhre ins Auge zu fassen. Im weiteren gab er zu bedenken, dass der Bau einer Kriechspur zwischen Amsteg und Göschenen neu gebaut werden müsste und Platz beanspruchen würde.

Für Walter Steiner, Chef Unterhaltsdienst Werkhof Göschenen, liegt die Schwierigkeit hauptsächlich an der fehlenden Information der Autofahrer. So wüssten viele von ihnen nicht, wie sie sich im Falle einer Panne oder eines Unfalls zu verhalten hätten oder wo sich der nächstgelegene Schutzraum im Tunnel befindet. Und ganz grundsätzlich hat seiner Ansicht nach die Gesellschaft ein Problem mit der Mobilität. Eine etwas gar einfache Betrachtungsweise.

LANCIERT Mit dieser Veranstaltung ist das Begehren nach einer zweiten Gotthard-Strassenröhre im Urnerland recht eigentlich lanciert worden. Allmählich wird die Bevölkerung sensibilisiert. Und wenn vom Jahr 2001 an ein zahlenmässig grosses, wenn vorerst auch beschränktes Kontingent von 40-Tönnern und ab 2005 die 40-Tönner in unbeschränkter Anzahl die Schweiz passieren, wird sich zeigen, ob es im Interesse der Urner Bevölkerung nicht doch vorteilhafter gewesen wäre, die zweite Röhre rasch in Angriff zu nehmen.