"Gotthard-Strassentunnel: Bau einer zweiten Röhre?"

Die Sicherheit ist  bei richtungsgetrennten Tunnels entscheidend grösser als bei Tunnels, die im Gegenverkehr betrieben werden. Im Gegenverkehr fallen die Unfälle viel gravierender aus, da es sich dabei meistens um Frontalzusammenstösse handelt. Die Vergleichszahlen von Seelisberg- und Gotthardtunnel sprechen eine eindeutige Sprache, und zwar zu Gunsten des richtungsgetrennten Seelisbergtunnels. Zwischen 1980 und 1998 ereigneten sich im Seelisbergtunnel 188, im Gotthardtunnel 719 Unfälle.

Für die Benützer des Gotthardtunnels und der nördlichen Zufahrtsstrecke ist die Sicherheit heute nicht mehr gewährleistet. Die Unfallrate auf der Strecke "Erstfeld – Göschenen" ist um rund 50% höher als jene auf der Südrampe. Die Erklärung dazu ist ganz einfach: Die Südrampe ist zum Teil dreispurig (Kriechspur) und durchgehend mit einem Pannenstreifen versehen.
Auf der Nordrampe haben wir zwischen Amsteg und Wassen 6 Tunnels ohne Pannenstreifen. Nur schon dieser Umstand birgt ein enormes Gefahrenpotential in sich.

Es gilt darum vorausschauend zu handeln und die zweite Röhre inklusive dem Ausbau der Nordrampe zu verwirklichen, bevor ein Grossereignis die notwendigen Sachzwänge schafft. Der Gotthard-Strassentunnel ist mit seinen 17 km Länge ein künstlicher Engpass, ein Nadelöhr zwischen Hamburg und Neapel und dazu noch auf dem Kulminationspunkt dieser ganzen Strecke.
Dass eine zweite Röhre mehr Verkehr anzieht ist sicher richtig, muss aber nicht unbedingt Probleme bringen. Durch den Seelisbergtunnel fuhren in den letzten 18 Jahren rund 10.5 Millionen Fahrzeuge mehr als durch den Gotthardtunnel. Es gab aber deswegen überhaupt keine Stauprobleme, ausser wenn der Tunnel wegen Reinigungsarbeiten im Gegenverkehr betrieben werden musste.

Die Kantonsstrassen sind heute schon überlastet. Die einheimische Bevölkerung und speziell das Gewerbe aus dem Oberland ist darauf angewiesen, dass die Kantonsstrasse ohne Stau befahren werden kann. Diese Leute fahren nicht zum Vergnügen herum. Sie sind auf das Auto angewiesen, um der täglichen Arbeit im Unterland nachgehen zu können.
Es gilt also Voraussetzungen zu schaffen, die es dem Transit-Reisenden auf der Autobahn ermöglichen, möglichst schnell sein Ziel zu erreichen.

Der Tourist hingegen, der auf Kantons- und Passstrassen durch den Kanton Uri fährt, soll die Berge und die Landschaft geniessen können. Ab vom grossen Verkehr soll er einen Halt einschalten - Einheimisches konsumieren oder gar übernachten können, was ein Beitrag zur Förderung der Urner Wirtschaft wäre.
Der Tourismus ist einer der ganz wenigen Bereiche, der im ganzen Kanton Uri enorme Entwicklungsmöglichkeiten und Chancen für Neues bietet. Wenn es uns gelingt, einen Teil der 5,5 Millionen Personenwagenlenker zu animieren, die Autobahn zu verlassen um die Schönheiten des Kantons zu geniessen und eventuell einen Aufenthalt einzuschalten, kann dies dem Kanton Uri langfristig zu einem positiven Image und einem Wirtschaftswachstum verhelfen. Wir müssen uns deshalb auf unsere Stärken besinnen, diese ausbauen und noch intensiver fördern.

Es gilt darum für die Hauptverkehrsträger, Strasse und Schiene, optimale Bedingungen zu schaffen, denn wir sind auf beide angewiesen. Mit der Finöv /LSVA wurden für die Schiene Voraussetzungen geschaffen, die den Bau der Neat ermöglichen. Gleiches gilt es für die Strasse nachzuvollziehen. Die Kosten für den Bau der zweiten Röhre, inklusive dem Ausbau der Nordrampe, dürften ca. 1.5 Milliarden Franken betragen. Meiner Ansicht nach müsste der Bau und der Unterhalt der zweiten Röhre mittels Tunnelgebühren finanziert werden. Bei den aktuellen Zahlen von rund 5.5 Millionen Personenwagen und 1.2 Millionen Lastwagen, die durch den Gotthardtunnel fahren, ergäbe dies, analog den Gebühren vom Mont-Blanc, eine Summe von rund 470 Millionen Franken.
Zudem könnten im Urner- und Tessiner Oberland viele neue Arbeitsstellen geschaffen werden.

Man kann mit gutem Gewissen für oder gegen den Verkehr sein, man darf aber nie gegen die Sicherheit sein.

Aus obgenannten Gründen bin ich für den Bau der 2. Röhre inklusive dem Ausbau der Nordrampe.

Attinghausen, 18.02.2000                                  Markus Gisler    FDP Landrat