Presseartikel vom 24. November  2001
2. Röhre - Zeit zum Nachdenken?

Der erste grosse Schock der Gotthard - Katastrophe ist vorbei. Man ist bereits wieder geneigt zur Tagesordnung überzugehen. Ob World Trade Center, ob Afghanistan, ob Rathaus Zug, ob Gotthardtunnel – wenn man nicht direkt betroffen ist, verdrängt man, vergisst man, überhört man oder nimmt es nicht einmal richtig wahr.

Unfälle und Katastrophen geschehen und sind oft unvermeidbar. Was für den Menschen in der Rückblende nach einem Ereignis als vermeidbar eingestuft wird, versucht er in der Regel in Zukunft auch zu verbessern. Niemand ist bemüht darum, unangenehmen Geschehnisse in gleicher Art nochmals zu erleben.

Tragische Ereignisse mit Todesfolgen rufen in der Regel nach Aufklärung, Veränderung und Verbesserung. Aus Fehlern will man lernen, soll man lernen können. Analysen von Katastrophen zeigen uns unsere Verwundbarkeit auf. Immer wieder taucht darin der Faktor "Mensch" als unberechenbarer Teil auf. Eine Tatsache, die nicht so einfach in den Wind geschlagen werden darf.

Nach der Tunnelkatastrophe am Gotthard, die wohl jedem, unabhängig aus welchem Lager er kommt, eine traurige Realität vor Augen geführt hat, scheint die Zeit gekommen, eine möglichst objektive Lagebeurteilung vorzunehmen. Niemand wird behaupten können, dass das Anstellen von Überlegungen wie solche Katastrophen vermieden werden könnten, nicht erlaubt oder gar pietätlos ist. Jeder Benutzer des Gotthardtunnels wird auch in Zukunft froh sein, wenn er weiss, dass alles unternommen wurde, um das Gefahrenpotential zu minimieren. Es gibt für die Risikoverminderung in Tunnels unzählige Möglichkeiten. Bleibt lediglich die Frage, welche bei einem Ereignis eine genügend grosse Wirkung zeigt. Was heisst das nun?

Es gibt im Zusammenhang mit Verkehrssicherheit Fakten, Zahlen, Statistiken, Untersuchungen und Gegenuntersuchungen. Je nach Standpunkt wird man Daten finden, die eine Aussage belegen. Werden aber Zahlen und Fakten in Zusammenhänge gebracht, sieht die eine oder andere Statistik schlecht aus.

Dies sei am Beispiel von ein- oder zweiröhrigen Autobahntunnels aufgezeigt: Gegner einer zweiten Röhre am Gotthard weisen immer wieder auf eine Unfallstudie hin, die belegen soll, dass in richtungsgetrennten Tunnels ebenso viele Unfälle geschehen wie in einspurigen Tunnels. Diese Aussage mag in der Art vielleicht stimmen (Zahlenvergleich Gotthard – Seelisberg belegen etwas anderes). Betrachtet man aber die Folgengenschwere der Unfälle, wird man sehr bald merken, dass in einspurigen Tunnels die Unfälle viel gravierender ausfallen (Frontalzusammenstösse, Tote, Schwerverletzte etc.).

Die Unfallzahlen sind ein Faktum. Der psychologische Aspekt, wie wohl oder wie sicher sich eine Person im Tunnel fühlt, ist für die allgemeine Sicherheit von ebenso grosser Bedeutung. Entscheiden Sie selbst lieber Leser, liebe Leserin, in welchem Tunnel ihr subjektives Sicherheitsgefühl besser ist (als Urner / Urnerin im Seelisberg- oder im Gotthardtunnel).

Geschieht ein Unfall, wie am 24. Oktober, wird auch sehr schnell klar, dass eine Rettung oder eine Schadensbekämpfung durch die Röhre, in der sich der Unfall ereignet hat, nicht oder nur äusserst erschwert möglich ist. Da der vorhandene Sicherheitsstollen nicht mit Rettungsfahrzeugen befahren werden kann, ist auch er als Rettungsweg nur beschränkt benutzbar (Eigenrettung). Eine zweite Röhre würde auch diesem Umstand Abhilfe verschaffen. Ein Umstand, der nicht nur für die Opfer massgebend sein kann, sondern den Rettungsleuten genügend Sicherheit und die nötige Aktionsfreiheit bringt.

Die bestehenden Sicherheitsvorrichtungen im Gotthardtunnel sind gut, dürfen aber keine falsches Sicherheitsdenken aufkommen lassen. Im Katastrophenfall ist immer alles anders als in den theoretischen Überlegungen allfälliger Szenarien.

Bleibt zum Schluss noch die Analyse der Folgen einer "Gotthardkatastrophe" wie sie eingetreten ist. Plötzlich wird allen bewusst, wie sehr man von einer guten und sicheren Nord- Südverbindung durch den Gotthard abhängig ist. Eine Abhängigkeit, die in seiner Art sicher als positiv eingestuft werden kann. Sie ermöglicht nicht nur den uneingeschränkten Verkehrsfluss, nein, sie hat für die beiden Kantonen Uri und Tessin letztlich eine wirtschaftlich sehr grosse Bedeutung. Mit einer funktionierenden Durchgangsstrasse sind viele Arbeitsplätze verbunden. Nicht nur die Arbeitsplätze, die direkt mit der Strasse zu tun haben, nein auch jene, die indirekt oder als Zulieferer für die "Strassenbetriebe" tätig sind. Viele KMUs im Kanton Uri können dank diesem Umstand überleben und Arbeitsplätze anbieten.

Eine geschlossener Gotthardtunnel verunmöglicht heute auch vielen Urner Betrieben, die den Kanton Tessin beliefern, dies weiterhin wirtschaftlich zu tun. Eine Verlagerung auf die Schiene ist über diese kurzen Distanzen, soweit es sich überhaupt realisieren liesse, viel zu aufwändig und zu kostspielig.

Nicht zu vergessen sind auch all jene Betriebe, die einen grossen Teil ihrer Aufträge aus dem Kanton Tessin erhalten. Vor allem Betriebe aus dem Urner Oberland sind davon stark betroffen. Eine Region, die heute schon mit einer sehr grossen Abwanderung kämpft, wird durch solche Umstände nochmals hart getroffen. Auch alle vom Tourismus lebenden Betriebe werden, ohne allzu pessimistische Prognosen zu machen, einige Einbussen zu verzeichnen haben.

Volkswirtschaftlich gesehen ist der Gotthardtunnel zu einem wichtigen Lebensnerv unseres Kantons geworden. Eine Tatsache, die in seiner äussersten Tragweite nicht zu unterschätzen ist.

Ist es nicht an der Zeit liebe Urnerin, lieber Urner, sich Gedanken zu machen, wie wir auch heute mit dem seit Jahrhunderten wichtigen Durchgang über und durch den Gotthard leben und überleben können. Können wir uns in Uri erlauben, weitere Arbeitsplätze zu verlieren? Ist eine Nein-Politik immer die Politik die zu einem guten Ende führt? Sind nicht Kompromisse und neue Lösungen gesucht und gefragt? Ist eine Verkehrspolitik, die schon vor zwanzig Jahren (2. Röhre) nur am Geld gescheitert ist, mit dem heutigen enormen Verkehrswachstum nicht endlich weiterzuverfolgen? Ist Ihnen ihre Sicherheit so wenig wert, dass Sie weiterhin die Risiken eines einspurigen Gotthardtunnels befürworten können? Ist ein Unfall mit solchen Folgen nicht genug?

Ja, diese Liste könnte unendlich weitergeführt werden. Ich, als gewissenhafter Urner, kann mir, nach abwägen von allen Fakten, keine andere Lösung vorstellen als eine zweite Röhre am Gotthard. Eine zweite Röhre, die nicht nur die schon lange geforderte Sicherheit bringt, sondern auch unserem Kanton eine gewisse wirtschaftliche Sicherheit gewährt.

Landrat Markus Gisler