«auch am Gotthard möglich»

Schon vor dem Inferno im Montblanc- und Tauerntunnel hat der Urner FDP-Landrat Markus Gisler vor einer ähnlichen Katastrophe im Gotthard gewarnt. Die Sicherheit sei dort nicht gewährleistet.

*Interview: Jürg Spori
BZ: Sie prangern die ungenügende Sicherheit im Gotthard-Tunnel an. Wo liegen die Schwachpunkte?
Markus Gisler: Am Gotthard fehlen die Chemiewehr-Stützpunkte. Bei einer Brandkatastrophe muss die Chemiewehr innert Minuten eingreifen, sonst ist es zu spät. Doch das ist am Gotthard nicht möglich, weil die Chemiewehren zuerst von Bellinzona nach Airolo und von Altorf nach Göschenen zu den Tunneleingängen fahren müssen. Diese Anfahrtswege sind oft wegen Staus verstopft.

Aber der 17 Kilometer lange Tunnel hat doch eine parallele Rettungsröhre.
Schon. Doch die Röhre nützt nicht viel, weil sie von den heutigen grossen Rettungsfahrzeugen nicht befahren werden kann. Der Stollen ist zu eng.

Ist denn die Lüftung im Tunnel genügend?
Für die Personenwagen reicht sie aus, für die 40-Tönner ist sie hingegen ungenügend.

Warum befürchten Sie im Gotthard ähnliche Katastrophen, wie sie sich im Montblanc- und im Tauerntunnel ereignet haben?
Der Hauptgrund ist, dass die Fahrtrichtungen baulich nicht getrennt sind. 17 Kilometer Gegenverkehr auf der wichtigsten Nord-Süd-Verbindung sind verantwortungslos. Es gibt mehr Kollisionen mit Autos der Gegenfahrbahn. Und: Bei der langen, steilen Anfahrt zum Gotthard-Tunnel erhitzen sich alte mit ungenügender PS-Leistung versehene Lastwagen enorm. Kommt es dann im heissen Tunnel zwischen erhitzten Fahrzeugen zu einer Kollision, wirkt sich das wie ein Pulverfass aus. Kommen dann noch geladene, leicht brennbare Güter ins Spiel, so ist die Feuerhölle perfekt.

Sind Sie ein Pessimist?
Nein. Ich befasse mich seit langem mit der Sicherheit in Tunnels. Und meine Befürchtungen bewahrheiten sich immer leider mehr. Im Montblanc-Tunnel war es geladenes Fett und im Tauerntunnel Lack. Ich mag mir nicht vorstellen, was abgeht, wenn sich mitten im 17 Kilometer langen Gotthard-Tunnel ein Laster mit ähnlichem leicht brennbarem Material entzündet. Ein Drama im Gotthard-Tunnel ist nur eine Frage der Zeit. Denn: Immer mehr Autos fahren durch den Gotthard. Im vergangen Jahr waren es fast sieben Millionen.

Wen machen Sie denn für die untragbare Situation verantwortlich?
In erster Linie die Bundesbehörden.

Und warum?
Bereits 1963 reichte der damalige Urner FDP-Nationalrat Alfred Weber ein Postulat ein. Er forderte auf der Anfahrt zum Gotthard für die Laster eine Kriechspur. Die Gesamtregierung (Regierungsrat und Landrat) forderten beim Bundesrat eine Kriechspur von Amsteg bis Göschenen. Doch das damalige Amt für Strassen und Flussbau erteilte den Urnern eine Abfuhr.

Somit waren die Urner den Behörden im Zukunftsdenken einiges voraus.
Die Entscheide der Behörden und des Bundesrates waren damals sehr verantwortungslos. Uns Urnern wirft man immer vor, wir seien hinterwälderisch. Doch mit unseren Forderungen waren wir Bundesbern weit voraus. Wegen dieses Fehlentscheids haben wir nun heute das Chaos. Es darf nicht sein, dass die Autobahn von Hamburg nach Neapel durch das Gotthard-Nadelöhr auf dem höchsten Punkt nicht vierspurig befahren werden kann.

Sie greifen die Bundesbehörden an. Was haben denn Sie als Urner FDP-Landrat unternommen?
Ich habe vor der Montblanc-Katastrophe ausgehend mit einer Interpellation aus Sicherheitsgründen den Bau einer zweiten Röhre gefordert. Jetzt hoffe ich, dass die Behörden durch beide Katastrophen am Montblanc- und am Tauerntunnel sensiblisiert sind, mein Vorstoss nicht unter den Tisch zu wischen. Denn auch im Urnerland hat ein Umdenken stattgefunden.

Wie soll Ihre Forderung nach der zweiten Röhre umgesetzt werden?
Innerhalb von acht Jahren könnten der Bau der zweiten Röhre und der Ausbau der Nordrampe realisiert werden. Denn eine zweite Röhre durch den Gotthard muss so oder so gebaut werden.

Weshalb?
Weil der 1980 eröffnete Tunnel in die Jahre kommt. Das Bauwerk muss saniert werden. Und deshalb wird es in den nächsten Jahren zu längeren Schliessungen kommen. Der Verkehr kann nur im Sommer über den Pass ausweichen. Und was im Winter? Deshalb braucht es so oder so eine zweite Röhre. Der Basistunnel ist erst in 14 Jahren gebaut.

Und was kostet diese zweite Röhre?
Markus Gisler: Alles zusammen rund 1,5 Milliarden Franken.*