«Ich habe keine Angst, durch den Gotthardtunnel zu fahren»

Die Angst fährt mit: Bei Brandkatastrophen im Mont-Blanc- und Tauerntunnel starben 53 Menschen. Die Autofahrer sind geschockt. Wie sicher ist der Gotthard-Tunnel? Walter Steiner, Sicherheitschef des längsten Alpentunnels: «Das Risiko ist klein.»

Von Thomas Kutschera und Edi Estermann

mit Fotos von Hervé Le Cunff

Es ist kühl und düster, von der Decke fallen ein paar Wassertropfen. «Hier übernachten möchte ich nicht», gesteht Walter Steiner. «Aber ohne den Stollen hätte ich kein so gutes Gefühl, wenn ich durch den Berg fahre.» Steiner ist der Sicherheitsbeauftragte des Gotthard-Tunnels. Er kennt den mit 16,9 Kilometern längsten Alpentunnel wie seinen Hosensack. Jetzt steht der 52jährige Altdorfer im zwei Meter breiten Sicherheitsstollen. Dieser verläuft auf der östlichen Seite parallel zum doppelspurigen Haupttunnel. Im Notfall erreicht man den Fluchtweg über die Ausstellnischen, die zu 64 Schutzräumen führen. «Der Stollen ist als Notausgang bei grossen Katastrophen konzipiert», erklärt Steiner. «Aber zum Glück musste er in den 19 Jahren seit der Tunneleröffnung noch nie benützt werden!» Die Zahl der Fahrzeuge, die den Gotthard durchqueren, steigt von Jahr zu Jahr. 1998 waren es rund 6,6 Millionen, davon eine Million Lastwagen. Das ergibt einen Tagesschnitt von 18500 Fahrzeugen. Letztes Jahr gab es 44 Unfälle und 540 Pannen.

Die tödlichen Feuerhöllen im Mont-Blanc- und im Tauerntunnel haben auch Walter Steiner erschreckt. «Zwei äusserst tragische Ereignisse. Ich war geschockt.» Angst, nun durch «seinen» Gotthard zu fahren? «Nein!» sagt Steiner, der seit 1995 Betriebsleiter des Werkhofs Göschenen ist. Aber er gesteht: «Solche Grossereignisse lassen sich nicht mit absoluter Sicherheit ausschliessen, auch im Gotthard-Tunnel nicht.» Wenn ein Tunnelbenützer aber wisse, dass es auf der einen Fahrbahnseite alle 250 Meter einen sicheren Schutzraum gibt, habe er gute Chancen, auch bei starker Rauchentwicklung sein Leben zu retten, sagt Steiner. Er erklärt, was ein Automobilist tun soll, wenn vor ihm, mitten im Tunnel, ein Lastwagen Feuer gefangen hat.

> Warnblinker einschalten

> Motor abstellen

> Fahrzeug sofort verlassen

> Schutzraum aufsuchen

«Bei einem Brand steigt der Rauch erst zur Decke, aber schnell einmal ist er im ganzen Raum verteilt. Deshalb sollte man so schnell wie möglich das Fahrzeug verlassen. Schon Sekunden später sieht man höchstwahrscheinlich nicht mehr 20 Zentimeter weit!» Wenn im Tunnel irgendwo ein Brand ausbricht, wird er sofort von den alle 25 Meter installierten Feuermeldern registriert. Dann werden umgehend die Brandbelüftung eingeschaltet und die Deckenlampen auf die höchste Stufe gestellt. Ebenfalls in Aktion treten die Notlampen, die den Weg zu den Schutzräumen weisen - die Lampen befinden sich in regelmässigen Abständen auf der Schutzraumseite, direkt über der Fahrbahn. Durch eine leicht zu öffnende Türe geht es dann in den Schutzraum. Die Mehrzahl davon ist rund 20 mal 5 Meter gross und 4 Meter hoch. Durch einen Ventilator ist immer für frische Luft gesorgt; Hitze und Rauch können dank eines Überdrucksystems nicht hinein. Und Licht gibt es, wie im übrigen Tunnel, auch in Ausnahmesituationen - dafür sorgt die Notstromanlage.

Ein Schutzraum bietet 70 Personen Platz, an der Wand ist ein oranger Kasten mit zwei Handfeuerlöschern und ein SOS-Telefon installiert; dieselben Kästen befinden sich auch in regelmässigen Abständen den beiden Fahrtrichtungen entlang. «Die Telefone sind zum Benützen da!» sagt Steiner. Er spricht aus Erfahrung. «Es gibt immer wieder Verkehrsteilnehmer, die aufgeregt vor dem Telefon stehen, es aber nicht benützen, weil sie meinen, es gäbe eine Busse.» Im Gegenteil. Der Hilfesuchende ist ab diesem Moment in bester Obhut: Am anderen Ende der Leitung sitzt ein Kantonspolizist von der Einsatzzentrale Göschenen oder Airolo. «Bleiben Sie ruhig!» tönt es dann aus der Leitung. Und je nach dem: «Wir schicken Hilfe!» Walter Zgraggen, Dienstchef der Urner Verkehrspolizei: «Viele Leute haben Angst vor dem Tunnel. Wir versuchen, sie zu beruhigen.» Doch die erfahrenen Polizisten in der Zentrale kümmern sich nicht nur um Hilfesuchende. Auf den vielen Bildschirmen haben sie jederzeit den ganzen Tunnel im Blick. Sicherheitschef Steiner: «Auf der ganzen Länge sind insgesamt 85 Überwachungskameras installiert.» Auch sonst ist der Gotthard-Tunnel technisch hochstehend ausgerüstet. Versperrt irgendwo ein Unfallfahrzeug die Fahrbahn, werden im nächsten Augenblick die Rotlichter eingeschaltet, um keine weiteren Fahrzeuge in diesen Tunnelabschnitt zu lassen. Sofort werden Feuerwehr und Sanität alarmiert. Die Feuerwehr kommt von Göschenen oder Airolo: An den Tunnelportalen sind je vier Feuerwehrmänner rund um die Uhr auf Pikett.

Aber es gibt auch einen Schwachpunkt in der Sicherheitskette: die Chemiewehr. Ihre nächsten Standorte sind heute Altdorf und Bellinzona. Die Einrichtung einer Chemiewehr unmittelbar vor den Tunneleingängen sei nach jahrelangen Verhandlungen auf guten Wegen, sagt Steiner. Aber die SBB, die davon massgeblich profitieren würden, haben sich bisher aus Kostengründen dagegen gewehrt. Eine andere Optimierung steht ebenfalls bevor: «Die Eingangsbeleuchtung und die Signalisation der Schutzräume werden verbessert.»

Steiner ist stolz darauf, dass der Gotthard-Tunnel vom grossen Deutschen Automobil-Club ADAC das Prädikat «gut» erhielt. «Der Gotthard-Tunnel kann als risikoarm bezeichnet werden», sagt Steiner. «Wir haben in allen Bereichen ein hochentwickeltes Sicherheitsdispositiv. Doch den grössten Beitrag für eine risikoarme Durchfahrt ist das vernünftige Verhalten der Verkehrsteilnehmer.»

Forderungen nach dem schnellen Bau einer zweiten Gotthard-Röhre kann Steiner nichts abgewinnen. Einer, der seit Jahren eine zweite Autoröhre fordert, ist der Urner FDP-Landrat Markus Gisler: «Es ist verantwortungslos, dass die wichtigste Schweizer Nord-Süd-Verbindung nur zweispurig ist. Eine Katastrophe wie im Mont-Blanc-Tunnel könnte jederzeit auch im Gotthard passieren!» Walter Steiner: «Nach 2020 könnte eine zweite Röhre zum Thema werden, weil der Tunnel nach vierzig Jahren Betrieb für eine Sanierung während einigen Monaten geschlossen werden muss.» Sicherheitsexperte Steiner vertraut «seinem» Gotthard. «Ich habe keine Angst, durch den Gotthard zu fahren, jedenfalls weniger als auf der A1 von Bern nach Zürich!»

Illustrationen: Z. Sroga, © Schweizer Illustrierte

FORDERT SEIT JAHREN EINE ZWEITE RÖHRE. Markus Gisler, Urner FDP-Landrat, vor dem Nordportal.

 

Tunnel im Vergleich

Seelisberg

Baujahr: 1980

Länge in km: 9,25

Fahrzeuge pro Tag: 19200

Anteil LKWs in %: 16,4

Pannen pro Jahr: 154

Unfälle pro Jahr: 13

SOS-Kästen: alle 150 m

Querverbindungen: alle 300 m

 

San Bernardino

Baujahr: 1967

Länge in km: 6,59

Fahrzeuge pro Tag: 8000

Anteil LKWs in %: 20

Pannen pro Jahr: 70

Unfälle pro Jahr: 4

Ausstellnischen: 8

SOS-Kästen: alle 250 m

Kein Sicherheitsstollen vorhanden

Zuluftkanal soll als Fluchtweg ausgebaut werden

 

Grosser St. Bernhard

Baujahr: 1964

Länge in km: 5,85

Fahrzeuge pro Tag: 1440

Anteil LKWs in %: 10

Pannen pro Jahr: 5

Unfälle pro Jahr: 0

Ausstellplätze: 7

SOS-Kästen: alle 120 m

Kein Sicherheitsstollen vorhanden

«Im Tunnel sind 85 Kameras installiert.

Sie melden der Polizeizentrale auch das kleinste Detail»

 

Tunnel-Task-Force-Chef Michel Egger

«Ich habe bei einem Tunnelbrand auch schon falsch reagiert»

Nach den Unglücken im Mont-Blanc- und im Tauerntunnel hat das Bundesamt für Strassen (Astra) eine Tunnel-Task-Force eingesetzt. Was hat man von Ihrem Expertenteam zu erwarten, Herr Egger?

Wir wollen ganz genau wissen, wie es um die Sicherheit in unseren Strassentunnels steht. Zu diesem Zweck haben wir uns mit den betreffenden Kantonsingenieuren getroffen und sie beauftragt, eine Bestandesaufnahme in ihren Tunnels vorzunehmen. Der entsprechende Bericht wird Ende Juli vorliegen. Danach werden wir allenfalls weitere Massnahmen einleiten.

Sehen Sie dem Bericht dieser Experten zuversichtlich entgegen?

Absolut! Wir haben in unseren Tunnels einen sehr hohen Sicherheitsstandard. Anderseits muss man bedenken, dass ein Tunnel für 70 bis 100 Jahre gebaut wird. Sicherheitseinrichtungen hingegen sind viel früher veraltet. Deshalb werden demnächst wohl einige Investitionen notwendig werden.

Mussten zuerst Unglücke passieren, bevor man beim Bund diesen Sicherheits-Check durchführt?

Keineswegs! Die Tunnel-Störfallproblematik war für uns schon immer ein Thema. Nicht erst seit diesen Unfällen. Man darf auch nicht verkennen, dass es sich um zwei Ausnahmeunglücke handelt. So was passiert nur selten. Extremfälle verlangen aber auch aussergewöhnliche Reaktionen. Deshalb haben wir nun diese Tunnel-Task-Force ins Leben gerufen.

Haben Sie Angst, dass bei uns einmal ein ähnlich schlimmes Tunnel-Ünglück passieren könnte?

Etwa soviel Angst, wie sie Chefs von Fluggesellschaften vor einem Flugzeugabsturz haben. Extremsituationen kann man nie ganz ausschliessen. Und man kann sich auch nie total davor schützen.

Wie wichtig ist bei den Sicherheitsüberlegungen der Faktor Mensch?

Enorm wichtig! Die meisten Unfälle sind nicht auf technische Ursachen zurückzuführen, sondern auf Fehlverhalten im Verkehr. Nebst modernen Sicherheitseinrichtungen in den Tunnels ist deshalb auch die richtige Reaktion der Leute sehr wichtig.

Waren Sie selbst auch schon in einer brenzligen Tunnelsituation?

Weil ich in Basel wohne und in Bern arbeite, fahre ich täglich durch den Belchen-Tunnel. Eines Tages qualmte plötzlich ein Wagen vor mir. Und prompt reagierte ich falsch. Statt sofort zu helfen und zu alarmieren, blieb ich vorerst im Auto sitzen. Erst als der Qualm dichter und beissender wurde, begann ich zu helfen. Und da war's auch schon beinahe zu spät. Richtiges Verhalten ist also gar nicht so einfach. Am besten überlegt man sich vor jeder Tunneleinfahrt, wie man reagieren würde.

Quelle: SI-F; Schweizer Illustrierte

Quelle: SI-F; Schweizer Illustrierte