Bundesamt für Strassen ASTRA
A2 Zweite Röhre Gotthard

Zwei Dörfer in Orange

08.07.2026

Die Arbeiter gehören in Airolo und Göschenen längst zum vertrauten Ortsbild – auch an der Fasnacht und an Dorffesten. Die Gemeindepräsidenten blicken auf das ent­standene Miteinander, das die Dorfgemeinschaften prägt.

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Die Kantine Breiti in Göschenen ist längst mehr als nur ein Verpflegungsort geworden. Sie ist ein Treffpunkt für Baustellenpersonal, Einheimische und Touristen.

Während in vielen Gemeinden um die Mittagszeit Ruhe einkehrt, ist in Göschenen einiges los. Zahlreiche Autos sind auf der Gotthard- und Göscheneralpstrasse unterwegs – viele davon mit Personal der Tunnelbaustelle auf dem Weg zwischen Areal Eidgenössisch oder den Baubüros zur Kantine. Andere sind zu Fuss unterwegs – man grüsst sich, man spricht miteinander, man kennt sich.

Die Kantine Breiti ist seit ihrer Eröffnung 2021 zu einem wichtigen Treffpunkt im Dorf geworden, in dem sich nicht nur die Mineure und Ingenieure der Baustelle verpflegen, sondern auch viele Einheimische und Touristinnen gerne einkehren. 

Ein ähnliches Bild zeigt sich in Airolo: Auf der Südseite des Gotthards gehört Orange (neben Militärgrün) zu den dominierenden Kleiderfarben. Ebenso auffallend sind die weissen Fahrzeuge der Bauleitung und Bauunternehmen auf den Strassen.

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Auf der Südseite sind Begegnungen im Restaurant Alpina Teil des neuen Alltags geworden.
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Der Schichtwechsel ist ein Moment des Austauschs, der Abstimmung und der Übergabe an das nächste Team.

Restaurants und Hotels ganzjährig gut ausgelastet

Doch was macht eine solche Grossbaustelle mit der Gemeinschaft in den Dörfern beidseits des Gotthard-Strassentunnels? «Durch die Baustelle sind etwa 500 zusätzliche Personen regelmässig bei uns», sagt Oscar Wolfisberg, der Gemeindepräsident von Airolo. Er ist quasi von Amtes wegen häufig mit der lokalen Stimmung konfrontiert. Die Bevölkerung der rund 1500 Personen zählenden Gemeinde habe die Veränderungen zu Baubeginn stärker gespürt als heute. «Wir haben uns an das neue Leben im Dorf gewöhnt», führt er aus. Die Baustelle sorge zwar für gewisse Einschränkungen, bringe aber auch viele Vorteile mit sich. «Die Restaurants profitieren stark von der Baustelle, ebenso die Hotels und viele lokale Gewerbebetriebe.» Insgesamt gebe es aufgrund der Baustelle für die zweite Röhre eine gute lokale Wertschöpfung. «Ein gutes Beispiel dafür sind die funktionierenden Hotels, Ferienunterkünfte und Restaurants. Dank der Baustelle sind sie nun gut ausgelastet, auch ausserhalb der touristischen Saisons.»

Im Gespräch erklärt Oscar Wolfisberg, dass die Baustelle nicht immer so spürbar war. In der ersten Phase, also während der Planung, war zwar die Gemeinde stark involviert, für die Einwohnerinnen und Einwohner war es aber noch ziemlich ruhig. Mit der Ankunft der ersten Maschinen änderte sich das deutlich. In den ersten Jahren nach Baubeginn wuchs die Baustelle stetig und die Veränderungen waren fast täglich sichtbar. «Das Parkhaus der Valbianca wurde zurückgebaut, der Sportplatz bei Madrano umgenutzt und zwischen Tunnelportal und Bahnhof entstanden zahlreiche Baustelleninstallationen.» Seit dem Beginn des Vortriebs mit der Tunnelbohrmaschine gebe es wieder weniger Veränderungen.

«Sind es gewöhnt, dass neue Leute zu uns kommen»

Einen etwas weiteren historischen Rückblick gibt Peter Tresch, der Ende März 2026 zurückgetretene Gemeindepräsident von Göschenen. Seit Jahrhunderten kämen Fremde nach Göschenen – zuerst Reisende, später Tunnelarbeiter und Fahrdienstleitende. «Göschenen ist es gewöhnt, dass neue Leute zu uns kommen», sagt er. «Wir sind deshalb ein bunt gemischter Ort.» Baustellen und ruhigeren Phasen wechselten sich in Göschenen stets ab: «Von Favre und den Gotthard-Mineuren im 19. Jahrhundert über den Kraftwerkbau ab den 1940er-Jahren bis zum ersten Strassentunnel in den 1970er-Jahren.»

Derzeit arbeiten mehrere hundert Personen auf der Baustelle, viele davon wohnen auch in Göschenen oder der Umgebung. Ein grosser Teil bringt Erfahrung aus anderen Tunnelbauprojekten mit und kenne solche «Chrachen», wie Tresch erklärt. Sie fühlten sich hier wohl und hätten sich schnell in die Dorfgemeinschaft integriert. «Sie sind unterwegs, beleben das Dorf und grüssen im Vorbeigehen – das ist den Leuten wichtig.» Und: «Sie sind ein fester Bestandteil unserer Feste. Viele Mineure machen an der Fasnacht, an der Chilbi und am Musikfest mit.» Das schaffe eine wichtige Vernetzung.

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In Airolo dient das ehemalige Hotel Alpina als Unterkunft für das Baustellenpersonal. Es wurde aufgewertet und kann nach Ende der Bautätigkeiten von der Gemeinde nach ­ Bedarf weiterverwendet werden.

Das «Danach» klären

Während sich die meisten in Göschenen und Airolo über die ­ Gäste freut, schreitet die Baustelle stetig voran. 2030 ist die Eröffnung der zweiten Röhre geplant, anschliessend wird die erste Röhre­ saniert. Spätestens dann werden die Arbeiterinnen und Arbeiter weiterziehen – und eine neue ruhige Phase wird in Göschenen und Airolo einkehren. Peter Tresch blickt voraus: «Wir müssen in den nächsten Jahren klären, wie unser Dorf ‹danach› aussehen soll.» Was sicher bleiben wird, sind die Begegnungen, Bekanntschaften und Erinnerungen an die Gäste.